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Der gestörte interreligiöse Dialog
 

Ein Beitrag von Kassapa

 

Votiv-Tafel im National-Museum Delhi

 


Interreligiöser Dialog - von den einen wird er freudig begrüßt, von den anderen rundweg abgelehnt. An und für sich ist gegen ihn nichts einzuwenden: Die einen brauchen ihn wirklich, die anderen nicht. Die Frage ist, ob diejenigen ihn pflegen, die ihn wirklich brauchen. Gemeint sind die vielen Richtungen des Christentums, die sich einander bisher auf das schärfste befehdet haben, ebenso die drei abrahamitischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Es gibt bestimmt zwischen den gemäßigten Vertretern dieser drei Religionen solche, die die Unsinnigkeit der Intoleranz eingesehen haben und sich um ein besseres gegenseitiges Verhältnis bemühen, während die Fanatiker noch immer die Zähne fletschen. Alle Religionen haben ihre Besonderheiten, und die sind eher trennend als verbindend. Es ist ein Umstand, mit dem die übrigen leben müssen.

Vergeblich ist das Bemühen, alle Religionen auf einen Hauptnenner zu bringen. Das Ausklammern der Gegensätzlichkeiten und das bloße Betonen von Gemeinsamkeiten führt zu einer Verwässerung des Wesentlichen, zu faulen Kompromissen und Zugeständnissen, die einer wirklichen Klärung entgegenstehen. Darum ist es gut, wenn wir uns bei unüberbrückbaren Gegensätzlichkeiten auf den Standpunkt stellen: "Let's agree to disagree" - "Seien wir einverstanden, nicht übereinzustimmen". Dann könnte jeder das sein, was er will: Jude, Christ, Moslem, Buddhist, Hindu oder Religionsloser, ohne vom anderen behelligt zu werden. "Jeder soll nach, seiner Fasson selig werden", sagte schon der Alte Fritz, und ich füge hinzu: "Und keiner soll den anderen nach seiner Fasson unselig machen". Hält jemand seine eigene Religion für die einzig wahre und richtige, muss er anderen das gleiche Recht zugestehen. Sonst gibt es Streit, der in der Religionsgeschichte zu Verfolgung, Religionskriegen, Inquisition, Folter und Tod auf dem Scheiter-haufen geführt hat. Sind wir aber einverstanden, nicht übereinzustimmen, herrscht Frieden auch ohne interreligiösen Dialog, der ohnehin fragwürdig ist. Doch jedem soll es frei stehen, ihn zu pflegen oder nicht. Problematisch aber wird die Sache, wenn sich eine Religion anmaßt, die einzig richtige zu sein und darüber hinaus die ganze Menschheit unter ihre Fuchtel zwingen will, sei es wie früher mit Feuer und Schwert oder wie heute durch geistige Zersetzungsarbeit auf Schleichwegen. Gemeint ist die Rolle der römisch-katholischen Kirche im buddhistisch-christlichen Dialog. Wir werden sehen, mit welch hinterhältigen Mitteln sie unter dem Vorwand gegenseitiger Verständigung arbeitet. Ziel ist die Untergrabung des Buddhismus zwecks Katholisierung, die sich nach einer vom Vatikan gesteuerten Geheimstrategie vollzieht. Dazu ist in Thailand ein Buch mit dem Titel "Das katholische Komplott gegen den Buddhismus" erschienen, ohne Datum, ohne Namens-nennung der Autoren. Der australische buddhistische Mönch Shravasti Dhammiko hat zu ihm eine Rezension geschrieben, die nun folgen soll. Hören wir, was er zu sagen hat, in deutscher Übersetzung:

 

"Das katholische Komplott gegen den Buddhismus"
Ein Buch, heraus gegeben in Bangkok (ohne Datum),
rezensiert durch den Ehrw. Bhikkhu S. Dhammiko aus Australien.


Die Geschichte der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und anderen Religionen ist keine glückliche. Sobald die Kirche unter Constantin die Macht ergriff, zeigte sie sich entschlossen, alles zu tun, was sie konnte, um andere Glaubensrichtungen zu unterdrücken, ja sogar andere Interpretationen des Christentums.

Diese Neigung zur Intoleranz ist schon in der Bibel selbst enthalten. Unheilverkündend warnte der Apostel Paulus, dass diejenigen, die "einen anderen Christus" lehren, zum Schweigen gebracht werden müssen. Er führte nicht im Einzelnen aus, wie dies geschehen sollte, doch seine Haltung gegen Ungläubige und solche, die er als Häretiker betrachtete, hinterlässt keinen Zweifel, dass er die härtesten Maßnahmen für gerechtfertigt hielt. Und so begann eine lange Periode der Engherzigkeit, Engstirnigkeit und Grausamkeit. Seit der Aufklärung fand in Europa allmählich die Idee der Gewissensfreiheit Eingang, doch die Kirche nahm sie bis tief ins zwanzigste Jahrhundert hinein nicht an. Schließlich verkündete das Vatikanische Konzil 1962, dass Menschen das Recht haben, ihren eigenen Glaubensauffassungen zu folgen, denn auch andere Religionen enthalten Elemente der Wahrheit und verdienen darum Achtung. Seitdem ist die römisch-katholische Kirche zu einer eifrigen Befürworterin interreligiöser Harmonie und interreligiösem Verstehens geworden. Zu beginn des Jahres 2000 entschuldigte sich der Papst öffentlich für die zahlreichen Fehler, die die Kirche während der vergangenen zwei Jahrtausende begangen hat. Einer von ihnen ist die Intoleranz gegen andere Religionen. Dieser Schritt wurde als Geste ohne Präzedenzfall bezeichnet.

Ich selbst bin oft zu interreligiösen Konferenzen eingeladen worden und habe immer die Anstrengungen der Kirche gewürdigt, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Vertreter der Geistlichkeit, die ich bei solchen Versammlungen antraf, beeindruckten mich in ihrer aufrichtigen und ernsthaften Art. Ich kenne viele andere Buddhisten in Ost und West, die das Gleiche empfinden.

Aber - soeben ist in Thailand ein Buch erschienen, das mich erstaunt. Ich frage mich, ob ich und andere, die an dem von der Kirche eingeführten Dialog teilgenommen haben, nicht an der Nase herum geführt worden sind. Der Titel des Buches lautet: "Das katholische Komplott gegen den Buddhismus" und wirkt keineswegs ermutigend. Das Buch erweckt den Eindruck, dass der Autor oder die Autoren (niemand wird beim Namen genannt) zu jenen provinzlerischen, um nicht zu sagen paranoiden Thai-Klerikern gehören, die alles, was nicht thailändisch ist, als bedrohlich oder gefährlich ansehen. Die Einführung und der Kommentar zum Text sind in einem etwas zusammenhanglosen Englisch abgefasst und helfen dem Leser wenig, die zur Diskussion stehenden Sachverhalte zu verstehen.

Was das Buch so interessant macht, ist folgendes: Es enthält Seiten eines päpstlichen Journals, Bulletin genannt, das seit 1966 vom kirchlichen Sekretariat für nichtchristliche Religionen, dem "Secretariatus pro non Christianis", herausgegeben wird. Damit kein Zweifel an der Echtheit der Dokumente aufkommt, ist jeder Auszug aus dem Bulletin mit der Nummer des Bandes und der Seitenzahl des betreffenden Bulletins versehen. Die Auszüge ergeben eine sehr interessante Lektüre.

Das Erste, was wir erfahren ist: Das Bulletin soll nur von solchen (Katholiken) gelesen werden, die am interreligiösen Dialog teilnehmen. Seine Existenz ist geheim zu halten. Wir lesen: "Für das allgemeine Wohl und die Zukunft des Bulletins ist es äußerst wichtig, voll zu berücksichtigen, dass es sich bei ihm um eine vertrauliche Veröffentlichung (Kursivschrift im Original) handelt. Das Bulletin ist ausschließlich für Beauftragte und solche Personen bestimmt, die der Bischof oder wir selbst (wer?) für den Dialog ernannt haben. Sollten es die Beauftragten für angebracht halten, bestimmte Artikel oder Mitteilungen ganz oder teilweise nachzudrucken, sollten sie dabei nicht die Quelle angeben oder die Presse informieren, weil es sich ja um eine vertrauliche Veröffentlichung handelt." (1; 4-5)

Es wird bald klar, warum das Bulletin geheim gehalten werden soll. Das Journal betont von Anfang an, dass es keine wirkliche Gleichheit zwischen Kirche und anderen Religionen geben kann, doch mag es zweckdienlich sein, von Gleichheit zu reden. "Dialog bedeutet Anerkennung von Werten, nicht aber absolute Gleichheit zwischen den Partnern" (7; 4). "Außerhalb Christi gibt es keine Erlösung" (10; 33). "Die wirkliche Berufung der Kirche ist, das Evangelium bis ans Ende der Welt zu verbreiten. Es kann keine Einschränkung dieser Mission geben" (10; 8). Es gibt nichts Falsches an solchen Gefühlen, denn der römische Katholizismus ist nicht die einzige Religion, die glaubt, sie allein besäße die erlösende Wahrheit. Aber warum darf man das nicht offen sagen? Warum wird die wahre Haltung der Kirche nur in einer "vertraulichen Veröffentlichung" zum Ausdruck gebracht?

Das Bulletin soll ein Forum für die am interreligiösen Dialog Beteiligten sein und ihnen die Politik der Kirche klar machen. Dabei stellt sich heraus, dass das Ziel des Dialoges nicht gegenseitiges Verstehen ist, sondern vielmehr der Zweck, andere Religionen besser zu verstehen, um sie untergraben zu können. Dazu bietet das Bulletin viele hilfreiche Anregungen.

Eine ist, sich der lokalen Kultur anzupassen. Auf der Höhe des Kolonialismus identifizierte sich die Kirche freudig mit allem Westlichen, doch nun gilt dies nicht mehr als "klug". "Heute, da nationale Empfindlichkeiten so stark vorherrschen, sollte das Evangelium von jeder Aura des Westlichen befreit werden, die es im Laufe der Zeit angenommen hat" (3; 129).

Eine andere vorgeschlagene Strategie besteht in der Angleichung nicht-christlicher Religionen an den Katholizismus. So zum Beispiel werden Geistliche angewiesen, des Buddhismus besser kennen zu lernen, als ihn die (buddhistischen) Mönche kennen, damit sie ihn auf spitzfindige Weise verzerren können, bis er sich kaum noch vom Katholizismus unterscheidet. Dabei wird zum Beispiel der buddhistische Glaube an den nächsten Buddha, Maitreya, mit dem Glauben an die Wiederkunft Jesu gleichgesetzt (p. 57).

Eine andere Strategie ist, immer wieder zu behaupten, das Wort "Dhamma" sei nichts als ein anderes Wort für "Gott" (p. 61). Ich habe gelegentlich von katholischen Schreibern verfasste Bücher über den Buddhismus gelesen und sie stets verdächtigt, dass sie genau dies behaupten, doch dachte ich immer, es läge an der Unehrlichkeit des einzelnen Verfassers. Nun entdecke ich, das dies in Wirklichkeit Teil eines breit angelegten Planes und offizieller katholischer Politik ist. Wer den Tipitaka gut kennt und der Pāli-Sprache mächtig ist, für den ist es verhältnismäßig leicht, einen Text so zu verdrehen, wie er will, indem er Stellen aus dem Zusammenhang reißt und ungenau übersetzt wiedergibt. Solche Strategien können den Gelehrten nicht irre führen, aber den leichtgläubigen Ungebildeten. Mit kaltem Kalkül bemerkt das Bulletin, dass viele Thai-Buddhisten ihre Religion nicht gut kennen und dies ein günstiger Umstand für die Arbeit der Kirche sei (S. 33-34).

Wie das Bulletin weiter vermerkt, bieten in buddhistischen Ländern die meisten Zeremonien und Riten dem Katholizismus kaum eine Chance, weil sie zu sehr von buddhistischen Elementen durchsetzt sind (S. 33-34). Darum schlägt das Bulletin vor, auch die Anwesenheit von Katholiken bei solchen traditionellen Zeremonien zu erwirken. Führt zum Beispiel zu Beginn der Regenzeit der König (von Thailand) den Ritus der "Segnung der Ernten" durch, wirken gewiss auch buddhistische Mönche mit. Warum nicht auch Katholiken, um zu beten und somit an diesem Tage die ganze Nation zu vereinen? (11; 114-115)

Das Bulletin stellt fest, dass buddhistische Meditation vieles enthält, das dem Katholizismus fehlt. Warum können diese Übungen nicht auch in das meditative und kontemplative Leben des Katholizismus eingebaut werden, natürlich mit passenden und wohlüberlegten Veränderungen (10; 25-27). Eine andere Strategie besteht darin, "ins Zentrum vorzustoßen", d.h. ins Rampenlicht, um bemerkt zu werden. Das Bulletin schlägt vor, Hilfsprojekte einzurichten und mit anderen an ihnen zusammen zu arbeiten. Dabei sollte man versuchen, immer ein bisschen freundlicher, großzügiger und arbeitsamer zu sein als die anderen, und das in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich selbst und seinen Glauben zu ziehen. Die Kirche sollte sich würdig erweisen, dank ihres sozialen Verhaltens gehört zu werden, bevor sie ihre göttliche Autorität zeigt (5; 115).

"In wirtschaftlich schwachen und Entwicklungsländern ist die Beseitigung von Hunger, Analphabetentum, Krieg und anderen sozialen Missständen der beste Weg, die Aufmerksamkeit auch derjenigen auf sich zu ziehen, die uns bisher nicht bemerkt haben. Auch können wir so die Sympathien derjenigen erwecken, die glauben, es sei ihre Pflicht, uns zu hassen. Nur wenn höchstes Vertrauen herrscht, werden die Menschen weniger auf unser Verhalten achten und mehr über unsere Hoffnungen und unseren Glauben nachdenken, aus denen sich unser Verhalten erklärt. Dann wird der Dialog voll im Gange sein. Ein derartiges praktisches Vorgehen ist die beste und wirksamste Vorbereitung auf die Wege des Herrn" (5;115). So verbirgt sich wie es scheint, hinter jedem Wort ein geheimer Plan, ein Hintergedanke.

Soweit Bhikkhu Dhammiko.


Hierzu ein Nachwort:
Es steht außer Zweifel, dass die Richtlinien des "Bulletins" auch beim Dialog mit westlichen Buddhisten angewandt werden. Angesichts dessen müssen wir uns fragen: "Was wollen wir? Wollen wir geistig eigenständige Menschen sein, die ihr Schicksal selbst gestalten, oder wollen wir uns weiter von einer Kirchenhierarchie entmündigen lassen, deren Oberhäupter zwar gute Politiker, aber keine menschlichen Vorbilder sind und nur eins kennen: Macht?"

Sein Schicksal selbst gestalten - dazu einige Worte:
Was wir jetzt erleben, ist bedingt durch zahlreiche Faktoren, die aus anfangsloser Vergangenheit in unser Leben hineinwirken. Vor ihren Auswirkungen gibt es kein Entrinnen, wohl aber einen Weg, mit ihnen bewusst umzugehen, und wie wir jetzt unser zukünftiges Schicksal gestalten, steht uns frei. Dazu gibt uns die Buddhalehre alle erforderlichen Richtlinien. Der Lernprozess ist hart und mühsam, doch führt kein Weg um ihn herum. Die Buddhalehre ist wie eine zuverlässige Landkarte mitsamt Kompass, mit deren Hilfe wir uns sicher durch die Geistesverwirrung unserer Zeit zu erleuchtender Klarheit durchringen können. Bietet uns der Katholizismus dazu etwas Gleichwertiges?

Jeder ist für sein Handeln voll verantwortlich und muss den Mut haben, einfach nicht mitzumachen, wenn etwas geschieht, das seiner besseren Einsicht widerspricht. Ist das im Sinne einer Kirchendoktrin, die von ihren Gläubigen absoluten Gehorsam verlangt und der kritisches Bewusstsein höchst unwillkommen ist?

Die Kirche hat sich nicht verändert, weil sie sich nicht verändern kann. Das wäre nur möglich, wenn diejenigen, die an ihren Schalthebeln sitzen, sich als Menschen total gewandelt hätten. Dort sitzen aber noch immer die alten Würdenträger einschließlich des Papstes. Gemessen an einer seit fast zwei Jahrtausenden ausgeübten Machtpolitik sind ihre Freundschaftsbeteuerungen gegen andere Religionen ebenso unglaubwürdig wie die Entschuldigung des Papstes für die "zahlreichen Fehler" der Kirche in der Vergangenheit. Seine Entschuldigung ist Teil einer aus der Not geborenen Überlebensstrategie: Die Gläubigen laufen der Kirche davon, ihre Botschaft spricht die Menschen nicht mehr an, und sie muss das Misstrauen, das ihr überall entgegen schlägt, zerstreuen.

Interessant sind die Ausführungen des österreichischen Zen-Mönches Ryu-Un Tai-San in seinem Artikel: "Interreligiöser Dialog - nein danke!", der vor einiger Zeit in der buddhistischen Zeitschrift "Ursache & Wirkung" erschienen ist. Daraus einige Auszüge. Er schreibt:

Seit einigen Jahren treibt ein Gespenst sein Unwesen in der buddhistischen Szenerie Europas ... Für die (h)eiligen, für die (in)toleranten, für die "Ja-zu-Allem-Sager" und die "Friede-Freude-Eierkuchenbuddhisten" möchte ich das Gespenst gleich beim Namen nennen, damit Sie sich die Mühe des Weiterlesens sparen können: Es heißt Rückgratlosigkeit und Vereinnahmung ... Was die Buddhisten angeht, scheint es ihnen so sehr an Selbstbewusstsein, an Vertrauen in ihre Lehre und ihre traditionellen Strukturen zu fehlen, dass sie verzweifelt versuchen müssen, sich allem Möglichen, vor allem aber den christlichen Kirchen, anzubiedern und wie Kinder "Kirche" zu spielen.

Leider kann ich den Christen als "Dialogpartnern" kein besseres Zeugnis ausstellen. Ganz im Gegenteil: Wenn man diese Bemühungen über Jahre verfolgt, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass es nach den vielversprechenden Anfängen unter Johannes XXIII. Jahr für Jahr zurückging hinter die Mauern des Dogma und der Arroganz. Leider ist es den Christen anscheinend unmöglich, von ihrer Warte der "allein-seligmachenden Lehre und dem armen Heiden" herunter zu steigen. ...

Hemmungslos werden Texte und Formen solange "adaptiert", bis sie in ein christliches Weltbild passen. Als Beispiel dafür möchte ich den Umgang mit dem Begriff "Sange" kurz schildern. "Sange" meint die Einsicht in das (prinzipiell überpersönliche) Karma und das Bekenntnis zu seiner Existenz und Funktion. Daraus wurde in ein zwei flotten Sprüchen "Reue" und "Schuldbekenntnis".

Und wenn's mal nicht mit "Adaption" klappt, dann wird fröhlich mit der "Alles-ist-Eins"-Arbeitsweise und "der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst" operiert. ... Wenn ein Religionslehrer in einer buddhistischen Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht, in dem er (unausgesprochen) Dharmakaya mit dem Gott des Christentums gleichsetzt und eine Identität dieser Begriffe suggeriert, dann kann auch der Naivste nicht mehr an "gutwillige Unwissenheit" glauben. Hätte der gute Mann ein bisschen Ahnung vom Buddhismus, so wüsste er, dass für einen Gott und Götter (personal oder apersonal) ganz andere "Ebenen" vorgesehen sind und dass Dharmakaya alle Begrifflichkeit übersteigt.

Wahrscheinlich ist es auch nur gut gemeint, wenn ein sehr bekannter vietnamesischer Mönch in seinen Büchern die christliche Trinität mit dem Trikāya assoziiert. Dabei predigt der gute Mann (wie zum Hohn) mit Vorliebe zum Thema "Achtsamkeit". Dass sich buddhistische Mönche nicht entblöden, aus schwer nachvollziehbaren Gründen ihre Ideale einem solchen Synkretismus und Populismus zu opfern, erfüllt mich mit Scham. Ihnen möchte ich ins Stammbuch schreiben, dass sie sich ihrer Ordination und ihrer Regeln erinnern mögen." -

Es ist mir durchaus bewusst, dass mir manche Leser das Etikett "intolerant" aufkleben und das Gelesene vergessen mögen. Jenen möchte ich noch eins auf den Weg mitgeben: die Bedeutung des Wortes "Toleranz".

Toleranz (von lat. tolerare: ertragen, aushalten; und toles: die Last) das Geltenlassen anderer Weltanschauungen, Religionen, Lebensentwürfe und Überzeugungen. In den Grund- und Menschenrechten ist das Toleranzgebot in der Form von Gedanken-, Glaubens- und Gewissensfreiheit normiert. Diese Grundfreiheiten sind die unbedingte Voraussetzung für eine demokratische und humane Gesellschaft.

Von dümmlich-lächelndem Ertragen rücksichtsloser Aneignung, von Verfälschung und Schändung ist zumindest in meinem Lexikon nicht die Rede.

Zu den Ausführungen Ryu-Un-Tai-San's möchte ich kurz hinzufügen:
Bei aller Offenlegung kirchlicher Hinterlist soll kein Katholik an seiner Glaubensausübung behindert werden, doch katholischer Zersetzungsarbeit am Buddhismus muss ein Riegel vorgeschoben werden. Das geschieht am besten durch Aufklärung. Erinnern wir uns an die Gestalt des Pater Filizius bei Wilhelm Busch, der Verkörperung kirchlichen Ränkespiels im deutschen Kaiserreich. Er treibt auch heute noch sein Unwesen. Es hat mit Intoleranz nichts zu tun, wenn man vor seinen Schlichen warnt. Trotzdem liegt es mir fern, alle Katholiken mit Pater Filizius über einen Kamm zu scheren. Es gibt auch Christen und christliche Geistliche, die sich laut Ryu-Un-Tai-San mit Respekt und aufrichtiger Hingabe dem Buddhismus näherten und Jahrzehnte darum rangen, Christentum und Buddhismus zu verstehen und letztlich zu übersteigen. Ihr Weg brachte es zwangsläufig mit sich, ganz in den Buddhismus einzutauchen. Darum verdienen sie größte Hochachtung.

Es hat jedoch wenig Sinn, den interreligiösen Dialog zu suchen, denn was uns das Christentum zu sagen hat, finden wir in der Buddhalehre in höherer und reinerer Form. Wir brauchen aber auch nicht vor jedem Dialog zurückzuweichen. Haben wir den Eindruck, dass uns der "Dialogpartner" unter dem Vorwand gegenseitigen Verstehens nur aushorchen will, machen wir ihn darauf aufmerksam, dass Buddhismus und Christentum im Letzten unvereinbare Gegensätze sind: Hier Befreiung aus eigener Kraft, dort Erlösung durch die Gnade eines imaginären Gottes. Wäre der Buddhismus dem Christentum nicht überlegen, wären die Sendboten der Kirche nicht so sehr auf geistigen Diebstahl bedacht. Darauf dürfen wir sie ruhig hinweisen, desgleichen auf die Existenz des vatikanischen Bulletins und die Unaufrichtigkeit seiner Anweisungen zur Entstellung und Untergrabung der Buddhabotschaft. Sie werden dem zwar eifrig widersprechen, doch auf ein Wortgerangel brauchen wir uns nicht einzulassen. Sagen wir ihnen: "Werdet nach eurer Fasson selig, aber bitte - stört unsere Kreise nicht!" So zeigen wir Rückgrat und lassen uns nicht durch interreligiöse Kuschelei vereinnahmen.

 

 

 

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