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Rechtes und falsches Verständnis der Leidenstatsache
 

von Kassapa

Vortrag am Sonntag, dem 19. März 2000 im Buddhistischen Haus

 

Bhavacakkra
Der Innenkreis vom "Rad des Lebens".

 


Anicca, dukkha, anatta - vergänglich, leidhaft und Nichtich sind alle Dinge dieser Welt. Doch schon regt sich Kritik: "Wenn dem so wäre, dann müssten ja auch die Steine leidhaft sein." Aber sind sie es wirklich? Soweit unser Wissen reicht, sind die Steine gefühllos, d.h. sie empfinden weder Freud noch Leid. Sie sind auch weder Freud noch Leid an sich. Sie werden im Abhidhamma, der buddhistischen Systematik, als "durch Temperatur erzeugter Stoff ohne Lebensfähigkeit" bezeichnet und unterliegen weder der Leidenstatsache noch einer anderen der Vier Edlen Wahrheiten. Wohl sind auch sie leidbringend. Werten wir jemandem einen Stein an den Kopf, dann kann es sein, dass er tot zusammensinkt. Zumindest aber wird er "au" schreien, oder er rafft sich auf und verpasst uns eine gehörige Tracht Prügel. "Viel Steine gab's und wenig Brot" - auch eine leidige Tatsache. Oder jemand beißt beim Essen versehentlich auf ein Steinchen oder ein Sandkorn und bricht sich dabei einen Zahn ab. So ist der Stein an sich nicht leidhaft, wohl aber auf allerlei Umwegen ein Anlass des Leidens.

So steht es mit allen Dingen dieser Welt. Viele Menschen, die sich nur oberflächlich mit Buddhismus befasst haben, sind der Ansicht, er sähe in allem nur Heulen und Zähneklappern. Das aber stimmt nicht. Im Yamaka, dem sechsten Buch des Abhidhamma, steht ein bemerkenswerter, wenn auch schwer verständlicher Satz. Er lautet: "Ist die Leidenstatsache auch Leiden? Außer geistigem und körperlichem Schmerz unterliegen alle Dinge der Leidenstatsache, sind aber nicht Leiden (an sich). Körperlicher und geistiger Schmerz aber sind Leiden (an sich) und unterliegen auch der Leidenstatsache." - "Unterliegen körperlicher und geistiger Schmerz der Leidenstatsache? Ja." Gehen wir diesem Satz auf den Grund!

Körperlichen und geistigen Schmerz kennt jeder. Körperlicher Schmerz kann sich bis zum Unerträglichen steigern, ja zum Wahnsinn führen. Für geistigen Schmerz gilt das Gleiche, denken wir nur an tiefste Depressionen und Verzweiflung. Und wie steht es mit den übrigen Dingen dieser Welt, sind sie alle purer Schmerz, pure Verzweiflung? Und schließlich gibt es auch die Freude. Wie steht es mit ihr? Auf sie trifft nur die leidige Tatsache zu, dass sie nicht von Dauer ist und ins Gegenteil umschlägt. Sollen wir sie deshalb meiden? Auf keinen Fall, wir brauchen ihre erhebende Kraft. Gewiss gibt es eine niedrige und gemeine Freude, die Verdruss nach sich zieht und die man meiden soll, doch es gibt auch eine hohe und reine Freude, die man pflegen soll. Darum ist es ein Unding, jegliche Freude zu verwerfen.

Ein ebensolcher Unsinn ist es, das Leiden zu glorifizieren und zu suchen. Der Buddha hat jede Schmerzaskese als unedel, zwecklos und leidvoll abgelehnt. Wer von starkem körperlichen Schmerz geplagt wird, soll nicht zögern, den Arzt aufzusuchen. Und wer von schweren Schicksalsschlägen getroffen wird, darf ruhig beim anderen Zuspruch und Hilfe suchen.

Das Pāliwort "dukkha" wird allgemein mit Leiden übersetzt, hat aber eine Spannbreite, die weit über die Bedeutung des Wortes "Leiden" hinausgeht. In vielen Sinnzusammenhängen übersetzt man leidhaft oder leidvoll besser mit "unzulänglich" oder "unbefriedigend". Sagt man: "Alle Dinge der Welt sind leidhaft", regt sich gleich Opposition. Sagt man aber: "Alle Dinge der Welt sind unzulänglich" oder "letztlich unbefriedigend", ist man eher geneigt, dies hinzunehmen. Doch ob wir "leidhaft, leidvoll, unzulänglich" oder "letztlich unbefriedigend" sagen, wir brauchen uns nur die Welt anzusehen, wie sie ist, um festzustellen, dass sie bis zum Rande von Not und Jammer erfüllt ist. Noch leben wir in relativem Wohlstand, doch wie lange wird es noch dauern, bis uns die Globalisierung neues Massenelend beschert?

Angesichts der Instabilität des Lebens dürfen wir es nicht versäumen, innere Stabilität zu entwickeln, damit wir dem Unerwarteten, Furchtbarem gewachsen sind, das jederzeit über uns hereinbrechen kann. Die Sicherheiten, in denen wir zu leben glauben, sind nur Scheinsicherheiten.

Beginnen wir mit der Leidenswahrheit, wie sie der Buddha gelehrt hat! Da heißt es: "Was ist die edle Wahrheit vom Leiden? Geburt ist leidvoll, Altern ...., Krankheit... Tod ... Sorge ... Kummer ... Schmerz... Trübsal... Verzweiflung .... von Lieben getrennt zu sein ..... mit Unlieben vereint zu sein .... Gewünschtes nicht zu erlangen ist leidvoll; kurz gesagt, die fünf Anhaftungsgruppen sind leidvoll." Der letzte Satz ist besonders wichtig, wir werden noch auf ihn zurück kommen.

Das Gesagte leuchtet ein, doch übersehen wir es gerne, weil wir ja lieber in der Illusion leben, das Leben hätte uns etwas Herrliches und Wunderbares zu bescheren und Geburt, Alter, Krankheit, Tod usw. seien nur episodisch. Warum darüber nachdenken? Gedankenlos in den Tag hineinzuleben ist doch viel bequemer!

Das aber ist ein grober Fehler. Geburt, Alter, Krankheit, Tod usw. bilden die Talsohle des Daseins, die immer wieder durchschritten wird. Wohl gibt es auch glückliche Lebensumstände, doch die unglücklichen überwiegen bei weitem, und je mehr wir uns an die glücklichen klammern, desto mehr sorgen und ängstigen wir uns um ihren Bestand, weil wir ihre Unbeständigkeit nicht wahrhaben wollen. Damit bieten wir dem Leiden neue Angriffsflächen. Ein Beispiel: Eine Familie lebte glücklich und zufrieden in ihrem Mietshäuschen. Die Kinder waren wohl gediehen, der Sohn 14 Jahre alt, die Tochter 12, und es war noch ein kleiner Nachzügler da, 2 ½ Jahre alt. Nun wollte der ältere Sohn das Kind zum Mittagessen hereinholen, doch es lief über die Straße und wurden von einem Straßenbahnwagen erfasst. Tot! Die Mutter schrie verzweifelt angesichts des für sie Unfassbaren, die Tochter kam aus der Schule und weinte fassungslos, als sie ihr totes Brüderchen entdeckte. Der ältere Sohn stand daneben, starr vor Entsetzen, und schließlich kam auch der Vater hinzu, den Nachbarsleute von der Arbeit nach Hause gerufen hatten, bleich und niedergeschlagen. Es war, als ob ein schwarzes Gespenst die Sonne verdunkelt hätte.

Knapp ein halbes Jahr später fiel das Mietshäuschen einem Bombenangriff zum Opfer und brannte nieder. Die Stadt sank in Trümmer. Die Familie zog zu Verwandten und lebte mit ihnen in beengten Verhältnissen. Der Krieg ging verloren, und graue Hoffnungslosigkeit lagerte sich über das Land. Die Menschen hungerten und froren. Bald starb der schwer herzkranke Vater, und die drei Hinterbliebenen hatten jahrelang in kümmerlichen Verhältnissen zu leben, bis endlich nach vielen Jahren eine lichtere Zeit anbrach. So bricht das Schicksal über den Menschen herein, und er ist ihm ausgeliefert.

Mit der Tatsache des Todes lässt sich am besten leben, wenn wir dem Verstorbenen seinen Abgang ins Unbekannte gönnen. Wohl ist er für uns nicht mehr erreichbar, doch erscheint er irgendwo in verwandelter Form wieder, ist also nicht ausgelöscht. Vor allem müssen wir mit dem eigenen Tode einverstanden sein. Sind wir es, ist dies eine große Erleichterung für unser Leben, denn Todesangst ist auch Lebensangst und Lebensangst auch Todesangst. Das Leben ist wie ein Marktplatz, die Menschen kommen ungefragt und gehen ungefragt. Können wir dies akzeptieren, können wir unsere Lieben viel leichter dorthin ziehen lassen, wohin ihnen niemand mehr folgen kann. Es ist nur natürlich, dass uns Trauer packt und Trauerarbeit bevorsteht, doch sollten wir uns fragen, um wen wir wirklich trauern, um den Verstorbenen oder nicht doch um uns selbst, weil wir ihn verloren haben. Nicht der Tod ist das Schlimmste, er ist nur eine Verwandlung, sondern die Folgen übler Tat, die sich nach dem Tode einstellen. Um sie allein ist der Verstorbene zu bedauern, und wir? Wir sollten stets auf unsere Taten, Worte und Gedanken achten, damit wir den Tod nicht zu fürchten brauchen.

Es gibt jedoch weit Schlimmeres als einen plötzlichen Sterbefall. Denken wir nur an den Alltag der Ärmsten in der ehemaligen dritten Welt, die hungrig heranwachsen, von Krankheiten dahingerafft werden, schutzlos Kriminellen ausgeliefert sind und selbst von der Polizei wie Freiwild behandelt werden, oder an Krieg, Verfolgung, Folter, Konzentrationslager, Vertreibung, Massenmord und die Naturkatastrophen der jüngsten Zeit! Lesen wir einmal Bücher wie "Der Archipel Gulag" von Solchenizyn oder "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque, damit uns klar werde, wie Unabwendbares den Menschen überrollt und ihn Lebensbedingungen aussetzt, die ihn zum Tier werden lassen. Das zeigt insbesondere das Buch "Im Westen nichts Neues". Es zeigt, wie unter ständigem Trommelfeuer und der Brutalität des Stellungskrieges der Mensch ein Verhalten entwickelt, das ihn um des bloßen i7berlebens willen jeglichen Menschentums beraubt, wenn vorne der Feind lauert und hinten Feldgendarmerie und Kriegsgericht. Wie würde sich unter solchen Umständen ein Mensch verhalten, der auf keinen Fall töten, plündern, vergewaltigen, lügen, denunzieren und Untergebene schikanieren will? Ich weiß es nicht. Ihm würde wohl nur der Opfertod übrigbleiben. In unserer Wohlstandswelt tun wir gut daran, uns auf die Akzeptanz des Todes vorzubereiten, solange dazu noch Zeit ist.

Und nun zu dem Satz: "Kurz gesagt, die fünf Anhaftungsgruppen sind leidhaft", Die fünf Anhaftungsgruppen sind Gruppen von Dingen, die in ihrer Gesamtheit als unsere Person erscheinen und an denen wir haften, als wären sie unser unverlierbares Eigentum. Darum nennt man sie "Anhaftungsgruppen" oder "Stücke des Anhaftens". Es handelt sich um Körperlichkeit, Gefühle, Wahrnehmungen, geistige Gestaltungskräfte und Bewusstsein, die sich zueinander verhalten wie Erbsen, Bohnen, Linsen und Reis, die man in einen Sack schüttet und durcheinanderwirbelt. Dieser Vergleich zeigt, dass unser geistig-leiblicher Organismus nichts Einheitliches, Kompaktes ist, sondern eine Anhäufung unzähliger Einzelheiten, die fortwährend entstehen und gleich wieder vergehen. Man kann unseren geistig-leiblichen Organismus auch mit einer Regenwolke vergleichen, in der Wassertröpfchen auf- und abfluten, entstehen, verdunsten und neue bilden in einem fortlaufenden Prozess der Wandlung, bis die Wolke sich auflöst oder als Regen zur Erde fällt. So ist auch unser geistig-leiblicher Organismus von der Geburt bis zum Tode in fortwährender Wandlung begriffen, jeder Minimoment des Lebens ist Geburt und Tod zugleich. Diese Folge von Minimomenten bewegt sich mit rasender Geschwindigkeit dem Tode entgegen und äußert sich in der Veränderung, die wir vom Embryo bis zum letzten Moment des Lebens durchmachen. Geburt, Alter, Krankheit, Tod usw. sind Symptome dieser Veränderung und von den fünf Anhaftungsgruppen untrennbar. Darum heißt es: Kurz gesagt, die fünf Anhaftungsgruppen sind leidhaft.

Zu den fünf Anhaftungsgruppen gehören auch unsere fünf Sinne mitsamt ihren Objekten wie Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke und Berührungen. Sie hageln durch unsere fünf Sinne in nicht enden wollender Ruhelosigkeit auf uns ein, als ob jemand eine Schnecke mit Salz bestreute, so dass sie sich in Schmerzen windet. Auch dies ist ein Aspekt der Leidenstatsache, mit der die fünf Anhaftungsgruppen identisch sind.

Für den Umgang mit der Leidenstatsache gilt das Gleiche wie für den Umgang mit dem Tode: Mit ihr einverstanden sein, sich mit ihr aussöhnen, bereit sein, das Vergängliche, Unzulängliche und Wesenlose fahren zu lassen und sich sagen: "Dies bin ich nicht, dies gehört mit nicht, dies ist nicht mein Selbst". Je mehr uns dies gelingt, desto besser können wir die Leidenstatsache bewältigen. Es gelingt umso besser, je mehr wir uns vor Augen halten, dass es jenseits der fünf Anhaftungsgruppen Nibbāna, die totale Leidlosigkeit, gibt. Sie wird in einer besonderen Art der Erleuchtung verwirklicht, die man Pfad und Frucht nennt. Wer dies weiß, ist von großer Zuversicht erfüllt und strebt mit aller Kraft nach Befreiung. Dabei stellt sich Freude ein.

Wohl ist auch die Freude ein vergängliches, flüchtiges Phänomen, doch sie hat auf dem Weg zur endgültigen Leidfreiheit eine große Bedeutung. Manche Menschen glauben, die Freude sei. "sündhaft" an sich und man müsste sie meiden, doch dies gilt nur für die niedrige, gemeine Freude, die gierhaftem Genuss und groben Vergnügungen entspringt. Wer ihr nachjagt, bleibt am Ende doch leer. Aber sich in Ärger und Trübsal zu ergehen ist schlimmer. über einen Witz oder eine lächerliche Begebenheit zu lachen, eine üppige Mahlzeit zu genießen, zu jubeln und zu tanzen ist immerhin besser als sich in Ärger und Trübsal zu ergehen, einander zu beschimpfen und zu verprügeln.

Die heilsame Freude ist anders geartet. Sie äußert sich in einem stillen Strahlen und einem beseligten Lächeln. Sie tritt auf, wenn man Gaben verschenkt, anderen hilft, die Verhaltensregeln des Buddha befolgt, sich in der Meditation übt und in der Klarblicksmeditation (vipassanā) wirklichkeitsgemäßen Einblick in die wahre Natur von Geist und Körper erlangt. Wachsender Klarblick ist wachsende Erleichterung, als ob nach und nach eine Zentnerlast von einem fiele. Dies hinterlässt ein tiefes Beglücktsein, das man im Weltgetriebe nicht findet. So stellt sich ein Vorgeschmack der großen Befreiung ein, der zu unerschütterlichem Gleichmut (nicht Gleichgültigkeit!) gegenüber den Dingen der Welt führt. Er mündet in eine alle Grenzen sprengende Erkenntnis, in der Nibbāna, die totale Leidlosigkeit, unmittelbar erkannt und erfahren wird. Diese Erfahrung ist entweder mit einem Glücksgefühl oder mit einem unendlich feinen, weder freudigen noch leidigen Gefühl verbunden. Alles Begehren, das sich bisher immer wieder in neuer Geburt materialisiert hat, ist erloschen, der zu erwartende Tod wird der letzte sein, und die Wanderung von einem Dasein zum anderen ist zu Ende.

Schon lange vor der Erleuchtung wird einem klar, dass einem ein unsagbares Glück zuteil wird, wenn man nur treu auf seinem Wege weiter marschiert. Eine freudige Zuversicht stellt sich ein, die auch im All tag noch mitschwingt. Man braucht das Heil nicht mehr in der Welt oder bei Gott zu suchen, es wächst in einem selbst heran, jetzt und hier. Von ihm ergriffen kann man Vergänglichkeit und Tod ohne Fluchtreflexe ins Auge fassen.

Das soll eine für unsere Begriffe recht abstoßende Meditationsart zeigen, bei der sich das Widerwärtige ins Wunderbare verkehrt: die Leichenfeldbetrachtung. Im alten Indien warf man Leichen auf das Leichenfeld und ließ sie verwesen. Man fand dort Leichen in allen Stadien der Verwesung: Aufgedunsene, blau verfärbte, aufgesprungene, blutige, eitrige, mit Würmern durchsetzte, von Hunden und Schakalen angefressene, Skelette, noch mit Sehnen zusammengehalten, zerstreute und bereits zu Staub zerfallene Knochen. Asketen verschiedener Schulen suchten die Leichenfelder auf, um über Tod und Verfall zu meditieren. Auch im Repertoire buddhistischer Meditationsweisen ist diese Übung enthalten. Sie will zeigen: "Auch dein Körper ist so geartet, wird dem nicht entgehen." Sie ist für stark sinnliche Typen voll körperlicher Begierde gedacht, damit sie ihre Begehrlichkeit loswerden. Für Menschen mit hassvollem Temperament eignet sie sich nicht, sie würden sich vor lauter Ekel und Abneigung schütteln, und keine Sammlung käme auf.

Der Meditierende sucht sich eine Leiche in einem bestimmten Stadium des Verfalls aus und beobachtet sie, stundenlang, tagelang, bis er das Bild des Leichnams auch bei geschlossenen Augen klar vor sich sieht. Es ist ein fotografisch getreues, vom Geiste erzeugtes Nachbild. Betrachtet er es weiter und weiter, verklärt es sich zu einem strahlenden Gegenbild, das gar nicht mehr ekelhaft ist. Es stellt sich beim Meditierenden eine glückliche Distanzierung ein. In diesem Stadium ist die Angrenzende Sammlung (upacāra-samādhi) erreicht. Sie heißt so, weil sie an die nächsthöhere Stufe, die Volle Sammlung (appanā-samādhi) angrenzt. Sie gehört noch zur Ebene unserer normalen Denktätigkeit und kann darum durch zufällig aufsteigende Streugedanken jederzeit zerstört werden. Setzt der Meditierende nun die Betrachtung des Gegenbildes fort, bilden sich besondere konzentrative Kräfte heran, die Vertiefungsglieder (jhānaṅgāni). Sie bewirken den Eintritt in die Volle Sammlung und damit in die erste Vertiefung (paṭhama-jhāna). Somit erhebt sich der Geist auf eine höhere, die Feinkörperliche Ebene (rūpāvacara), die für Streugedanken nicht mehr zugänglich ist. Und was ist das Wunderbare dabei? Das Ekelhafte wird entschärft, es schwinden sinnliche Wünsche, Bosheit, Trägheit und Schlaffheit, Aufgeregtheit und schlechtes Gewissen wie auch jegliche Zweifelsucht. Kurz gesagt, alle gierhaften, hassvollen und verblendeten Geistesregungen sind für die Dauer der Übung stillgelegt, und das schafft Raum für innere Gehobenheit, Glücksgefühl und Sammlung, die das schönste Erleben in der Sinnenwelt bei weitem übertreffen. Wegen des Freiseins von allen groben Geistesregungen gilt diese Übung, wie alle Vertiefungsmeditationen, als vorübergehende Befreiung im Gegensatz zur endgültigen Befreiung, die alles Bedrückende, ans Dasein Fesselnde für immer überwindet. Mag auch die Leichenfeldbetrachtung nur bis zur ersten von insgesamt vier Vertiefungen führen, so führt sie doch wie keine andere Übung zur Standfestigkeit gegenüber dem Tod und Verfall.

Alle Vertiefungsmeditationen sind ein Meilenstein auf dem Wege zur endgültigen Befreiung. Sie vermitteln dem Geist die nötige Kraft zur klaren Durchschauung der Wirklichkeit bis ins mikroskopische, die man Vipassanā nennt. Vipassanā führt zu einer Einblickserkenntnis nach der anderen, bis auch die letzten Reste von Wahn und Täuschung schwinden und die große Erleuchtung aufblitzt: Nibbāna, die absolute Leidlosigkeit, offenbart sich dann dem Geiste, und wer sie erschaut hat, lässt alle Daseinssehnsucht fahren. Er weiß: "Dies ist das Leiden, ich habe es durchschaut. Dies ist die Gier, die Ursache des Leidens, ich habe sie überwunden. Dies ist Nibbāna, die Leidlosigkeit, ich habe sie verwirklicht, und dies ist der Weg, der zum Nibbāna führt, ich bin ihn gegangen. Getan ist, was zu tun war, kein neues Dasein steht bevor."
Nun meldet sich ein Mann aus dem Volke und fragt: "Was nützen mir alle diese himmelhohen Dinge? Ich stehe im Beruf und habe Familie, bin von morgens bis abends in Trab und habe keine Zeit zu kontemplativer Nabelschau." Ihm möchte ich sagen: "Kontemplative Nabelschau kenne ich nicht. Für dich gibt es elementare Dinge, die keinen besonderen Zeitaufwand, jedoch Bewusstheit von dir verlangen. Handle so, dass es zu eigenem, fremden und beiderseitigen Wohl gereicht, dann wirst du sehen, wie Licht in dein Leben kommt. Sei kein Geizhals und kein Raffer, denn Geben ist der erste Schritt zur Loslösung von Materiellem. Sei bedacht, niemand zu schädigen, denn was du auch immer tust, tust du dir letztlich selber an. Bemühe dich, nichts Lebendes umzubringen, Nichtgegebenes nicht zu nehmen, kein verantwortungsloses Sexualleben zu führen, nicht zu lügen und dir den Geist nicht mit Alkohol und Drogen zu vernebeln. Daraus erwächst dir ein sicherer Schutz, ob du dies erkennst oder nicht. Willst du dich in der Meditation versuchen, fang einfach an, ohne dich durch Anfangsschwierigkeiten entmutigen zu lassen! Irgendwann wird sie zum Tragen kommen.

Lass dich nicht treiben, indem du jeder Laune folgst; ohne Lebensdisziplin geht es nicht. Es ist deine Sache, ob du den Wegen des Buddha folgen willst oder nicht. Gehst du ganz im Streben nach Geld, Macht und Karriere auf, schaffst du dir ständig neue Bindungen statt Freiheit. Das wahre Glück kommt von innen, nicht von außen, lass es nicht aus den Augen! Wohl sind Dasein und Leiden untrennbar, doch es gibt einen Ausweg. Ist dir dies klargeworden, kannst du dem Leiden der Welt ins Auge schauen und dich trotzdem frei fühlen. Ein stiller Frieden wird stets mit dir sein.

Nicht bilde ich mir ein, Besonderes
erreicht zu haben auf meinem Wege,
doch leb' ich in des Buddhas Licht
und links und rechts erblüh'n
die allerschönsten Blumen.

Ich möchte, dass auch du sie findest
und im Licht des Buddhas wandelst.

Drum mach dich auf den Weg,
der dich ans and're Ufer führt,
wo alle Sehnsucht ist erloschen
und das Leid verglüht!

 


 

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